|
Germany
„Ostdeutschland ist nach den Maßstäben der EU eine strukturschwache Region, gemessen am Bruttoinlandsprodukt pro Kopf auf dem Niveau Kalabriens in Süditalien.“
Wolfgang Thierse (Juli 2000)
Um die Probleme von schrumpfenden Gemeinden, Dörfern und Städten zu erleben, muss man keine weiten Reisen machen: auch in Ostdeutschland ist dieser Prozess allzu deutlich. Obwohl die neuen Bundesländer durch die EU-Osterweiterung am 1. Mai 2004 eigentlich geografisch in die Mitte Europas gerückt wurden, bleiben Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen dennoch am Rand. Und dieser Rand franst genauso aus wie die Ränder in Süditalien oder den Outer Hebrides in Schottland.
Die Abwanderung in Ostdeutschland ist dramatisch nicht nur wegen ihres Umfangs, sondern weil sie selektiv verläuft: es sind in erster Linie die Jungen, die Frauen und die gut Ausgebildeten, die ihre Heimat verlassen. Die Zurückbleibenden unterliegen also einem negativen Selektionsprozess, der zu einer kulturellen und sozialen Verarmung führt und die Chancen der Region weiter und dauerhaft mindert. So beschreibt es auch Wolfgang Weiss von der Universität Greifswald.
Die Tatsache, dass gerade Frauen abwandern, ist ein Unterschied zu Süditalien, wo es vor allen Dingen die Männer sind, die auf der Suche nach Arbeit ihre Heimat verlassen. In der DDR war es für Frauen üblich zu arbeiten, heute sind sie auf dem ostdeutschen Arbeitsmarkt den Männern gegenüber häufig im Nachteil und machen sich auf, um in anderen Regionen (in Westdeutschland) ihren Lebensunterhalt zu verdienen.
|
Das zieht natürlich einen Rückgang der Geburtenrate nach sich, wodurch der Teufelskreis von Emigration und wirtschaftlichem Niedergang sich weiter beschleunigt.
Was geht verloren? Soziale und familiäre Bindungen, kulturelle Werte (die weiter fortschreitenden Schließungen von Theatern und Orchestern gerade in Ostdeutschland sind Zeuge davon), ökonomische Strukturen schon heute stehen in vielen ostdeutschen Innenstädte die Läden leer, überleben können häufig nur Billigläden und große Geschäftsketten. Vielfach zu erleben ist aber vor allen Dingen ein geringes Selbstwertgefühl, die Einstellung, nichts bieten zu können und sich nach anderen ausrichten zu müssen. Hier unterscheidet sich Ostdeutschland von Regionen von Süditalien oder Schottland, die Erfahrung der Wende mit dem Zusammenbrechen alter Strukturen und Werte hat deutliche Spuren hinterlassen. Während in Kalabrien alte Dörfer verfallen, sind in Ostdeutschland leerstehende Plattenbauten das Symbol der schrumpfenden Stadt. Der überall diskutierte und stattfindende „Rückbau“ verändert die Landschaft auch hier gilt es, das Bild zu dokumentieren.
|